Sandra Weeser

Der Netzausbau ist der Flaschenhals der Energiepolitik

Gastbeitrag von Sandra Weeser, erschienen in der Rhein-Zeitung vom 05.04.2018:

Für mich als neu gewählte Bundestagsabgeord-nete waren die ersten Wochen des Jahres auch die Zeit, politische Ziele für das Jahr 2018 und die Legislaturperiode in den Blick zu nehmen. Besonders dringenden Handlungsbedarf sehe ich dabei in der Energiepolitik, da die Kosten der Energiewende immer mehr aus dem Ruder laufen und die Bürgerinnen und Bürger – auch in meinem Wahlkreis – letztendlich die Zeche zahlen müssen.

Weil laut der Deutschen Presse Agentur der Ausbau der erneuerbaren Energien das deutsche Stromnetz immer stärker unter Druck setzt, musste der niederländische Übertragungsnetzbetreiber Tennet 2017 knapp eine Milliarde Euro für Noteingriffe in das Stromnetz zahlen. Die Jahre zuvor waren die Eingriffskosten deutlich geringer. Wer letztendlich diese Kosten zu tragen hat, ist klar: leider die Bürgerinnen und Bürger. Sie werden eine höhere Rechnung bekommen, weil die Übertragungsnetzbetreiber die zusätzlichen Kosten über die Netzentgelte auf den Strompreis umlegen.

Doch wie entstehen diese Kosten? Da es in Deutschland nicht genügend Stromleitungen gibt, um etwa den Strom aus dem Norden in den Süden zu bringen, und die Erzeugung von Strom aus Windkraft- und Solaranlagen großen Schwankungen unterliegt, kommt es zu einem ständigen Ungleichgewicht. Teure Noteingriffe, wie etwa das Abstellen von Windkraftanlagen oder das Herunterfahren von Kohlekraftwerken, sind die Folge. Der Ausbau der erneuerbaren Energien wird aber ungebremst vorangetrieben und belastet die unzureichend ausgebauten Netze zusätzlich. Statt zunächst für die benötigte Infrastruktur zu sorgen, wird hier also der zweite vor dem ersten Schritt gemacht. Daher bin ich froh, dass wir uns im Westerwald trotz guter Windbedingungen nicht an dem exzessiven Windkraftausbau beteiligt haben.

Einen weiteren energiepolitischen Irrsinn zeigt das Handelsblatt jüngst auf: Am Neujahrstag mussten Tausende Megawattstunden Strom ins Ausland abgegeben werden, weil viel mehr Strom erzeugt als verbraucht wurde. Dieser Stromexport bringt nicht etwa Geld ein. Nein, er kostet sogar: In der Spitze zahlten die deutschen Netzbetreiber an die ausländischen Abnehmer bis zu 76 Euro pro abgenommener Megawattstunde. Allein an Weihnachten und Silvester 2017 beliefen sich die Kosten auf knapp 30 Millionen Euro. Auch hier hat die Energiewende in den vergangenen Jahren zu enormen Kosten geführt: Lag 2008 die Zahl der Stunden, in denen auf diese Weise Strom exportiert werden musste, noch bei 15, kam sie laut Bundesnetzagentur im vergangenen Jahr bereits auf 146 Stunden. Dass in den ersten 16 Tagen des neuen Jahres bereits an fünf Tagen Strom teuer exportiert werden musste, deutet auf einen neuen Kostenrekord für 2018 hin. Aufgrund des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) werden auch diese Kosten auf die Verbraucher umgelegt. Im Gegensatz zu Strom aus fossilen Energieträgern müssen die Netzbetreiber nämlich auch dann den Strom aus erneuerbaren Quellen abnehmen, wenn keine Nachfrage besteht. Der Haken an der Sache: Der Großteil des überschüssigen Stroms stammt aus erneuerbaren Quellen.

Diese beiden Beispiele zeigen exemplarisch, dass bei der Energiewende Anspruch und Wirklichkeit meilenweit auseinanderliegen. Als ehemalige Vizepräsidentin der Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord in Koblenz konnte ich dieses Spannungsfeld gut überblicken. Es ist offen-sichtlich, dass ein schleppender Netzausbau bei gleichzeitig rasantem Zubau erneuerbarer Energiequellen nicht funktionieren kann. Die durch das EEG garantierten Einspeisevergütungen für Ökostrom widersprechen marktwirtschaftlichen Prinzipien. Die logische Schlussfolgerung ist daher: Der Netzausbau ist der Flaschenhals der deutschen Energiepolitik und muss künftig absolute Priorität haben. Zudem muss eine Reform des EEG dafür sorgen, dass die Stromproduktion aus erneuerbaren Quellen bei geringer Nachfrage reduziert wird. Um die Stromversorgung auch in windstillen und sonnenarmen Zeiten garantieren zu können, brauchen wir weiterhin konventionelle Energiequellen als Reserve. Wir müssen uns lösen vom Denken in Quoten, Verboten und Subventionen und zurückkehren zu marktwirtschaftlichen Prinzipien. Aus den Fehlern der Vergangenheit sollten wir alle lernen. Mein Ziel für 2018: die Energiewende mit Vernunft voranbringen!